Mein Großvater mütterlicherseits, Inhaber einer kleinen Fabrik, hatte einen Sohn, Karl, der sein Erbe werden sollte, der jedoch aufgrund einer schweren Krankheit als Kind später nicht die Pubertät erreichte und daher Junggeselle blieb.
Nach Jahren, als mein Vater, ein westfälischer Bauer, seinen Schwiegervater anrief und ihm mitteilte, dass ich vor einer halben Stunde gesund auf die Welt gekommen sei und er somit einen zweiten Enkel bekommen habe, war mein Großvater überglücklich und rief aus „Das wird mein Junge, nach Karl mein übernächster Erbe!“ Sein erster Enkel, mein älterer Bruder, war nämlich als zukünftiger Hofeserbe bereits verplant.
Schon im Alter von zweieinhalb Jahren war ich einige Wochen im Hause meines Großvaters in E., und obschon meine Großmutter früh verstorben war und der Hauhalt von einer Hauswirtschafterin geführt wurde, fühlte ich mich offenbar dort sehr wohl, ohne meine Eltern zu vermissen. Fortan wurde ich mehrmals im Jahr für einige Wochen zu meinem Großvater gebracht, und als Volksschüler war ich immer in den Ferien dort.
Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, fragte ich „Opa, darf ich mal mit Dir zur Fabrik?“ Unter einer Fabrik konnte ich mir noch nicht viel vorstellen, doch hörte ich jeden Mittag um Punkt Zwölf die Dampfpfeife die Mittagspause ankündigen. Auf meine Frage hin sprang mein Großvater auf, und mich durchfuhr der Schreck „Kinder dürfen nicht in die Fabrik!“ Doch mein Opa nahm mich in die Arme und war offenbar tief bewegt und glücklich.
Gleich am nächsten Morgen gingen wir Hand in Hand in sein Büro, und dann zeigte er mir die Dampfmaschine zum Antrieb der Maschinen. Von diesem Tage an wurde, meinem jeweiligen Alter angepasst, über meine Zukunft gesprochen: Ich würde Ingenieur werden, aber auch das Kaufmännische lernen und später von Onkel Karl das Haus und die Fabrik übernehmen. Ich war glücklich.
Als ich acht Jahre alt war, starb mein Großvater an Herzversagen, doch es blieb dabei, dass ich als Zehnjähriger das Gymnasium besuchen und zu meinem Onkel nach E. ziehen sollte, um dort Wurzeln zu schlagen, womit ich schon als Kind begonnen hatte.
Bis zum Abitur blieb ich also dort, ausgenommen die Schulferien, die ich auf dem elterlichen Hof verbrachte. Während der letzten drei Schuljahre war ich fast jeden Nachmittag in der Fabrik, ging von Maschine zu Maschine und sprach mit den Arbeitern, die ich bald mit Namen kannte. Für die Schularbeiten blieb nicht viel Zeit, und so machte ich nur ein mittelmäßiges Abitur.
Nach dem Abitur absolvierte ich das vorgeschriebene einjährige Praktikum in einer nahe gelegenen größeren Fabrik der gleichen Branche, um dann die Fachhochschule zu besuchen. Doch erfuhr ich, dass ich erst in etwa drei Jahren aufgenommen werden könne, da ältere Studenten – ehemalige Kriegsteilnehmer - Vorrang hatten. Was nun?
Mein Chef riet mir, inzwischen bis zum Vordiplom Chemie zu studieren; danach würde ich auf der Fachhochschule schnell weiterkommen und dort auch das Diplom erwerben können.
Ich begann also das Chemiestudium in Bonn. Während des 4. Semesters erhielt ich von zu Hause einen niederschmetternden Brief. Aus der Traum! Onkel Karl konnte die Fabrik nicht länger halten, einmal aus gesundheitlichen Gründen, ferner auch wegen seiner finanziellen Situation, denn damals, in den Nachkriegsjahren, war es in vielen Familien des Mittelstandes noch undenkbar, einen Bankkredit aufzunehmen, den unsere schuldenfreie Firma zu einem tragbaren Zinssatz leicht hätte bekommen können; aber man wollte um keinen Preis Schulden machen.
Über eine andere Zukunft als meinen Wunschtraum hatte ich noch nie nachgedacht. Ich wollte ja nicht irgendwo als Ingenieur arbeiten, sondern selbstständig das eigene, wenn auch kleine Unternehmen führen und in dem schönen Haus meines Großvaters wohnen.
Auf die erneute Frage „Was nun“ gab ich mir eine naheliegende Antwort, indem ich das Chemiestudium einfach fortsetzte und mit der Promotion abschloss.
Danach arbeitete ich in den ersten fünf Berufsjahren als Chemiker in England und Deutschland in der Forschung. Dann ergriff ich die Gelegenheit, in die Patent- und Lizenzabteilung eines großen Chemiekonzerns einzutreten, nachdem mir bewusst geworden war, wie sehr mich das juristische Denken auf der Basis der Naturwissenschaften interessierte.
Wieder gab es einen neuen Anfang: Neben der firmen-internen praktischen Ausbildung erlernte ich durch Selbststudium und externe Seminare und Kurse das deutsche und europäische Patentrecht und verwandte Rechtsgebiete. Diese Tätigkeit – Anmeldung von Patenten, Patentverletzungsprozesse, Verhandeln und Formulieren von Lizenzverträgen mit anderen Firmen und Hochschulen – übte ich in den folgenden drei Jahrzehnten mit Begeisterung und erfolgreich aus und konnte dabei in Abschnitten von jeweils einigen Jahren in der Firmenhierarchie aufsteigen.
Als ich im Alter von 65 Jahren in Pension gehen musste, wäre ich gern noch einige Jahre geblieben.
* Der Name wurde auf Wunsch des Autors anonymisiert.





